Meine Essays

Selbstbestimmung contra heteronome Machtansprüche. Zu Nikolaj Frederik Severin Grundtvigs Eintreten für eine offene, sich an den einzelnen Menschen zu orientierende Bürgergesellschaft“, in: MONDIALIKON. Zeitschrift für Denkkultur, Ausgabe 1, Jahrgang 1 (Autumnus-Verlag, 2010), pp 4-23

MONDIALIKON. Zeitschrift für Denkkultur – das erste Heft. U. a. mit folgendem Beitrag:

Gesellschaft

Selbstbestimmung contra heteronome Machtansprüche

Zu Nikolaj Frederik Severin Grundtvigs Eintreten für eine offene, sich an den einzelnen Menschen zu orientierende Bürgergesellschaft

Von Horst Nägele

MONDIALIKON Zeitschrift für Denkkultur, Nr. 1/2010

Selbstbestimmung contra heteronome Machtansprüche

Zu Nikolaj Frederik Severin Grundtvigs Eintreten für eine offene, sich an den einzelnen Menschen zu orientierende Bürgergesellschaft

Von Horst Nägele

›Zuerst Mensch und dann Christ‹

Die neuhochdeutsche Schriftsprache als ein Überbau

Das Begriffspaar ›Idealismus‹ und ›Materialismus‹ mit Bezug auf Napoleon

Grundtvigs Angebot eines direkten Dialogs mit einem deutschsprachigen Publikum

Friedrich Schillers Dramen als ein ›Blendwerk‹

Die Setzungen der idealistischen Philosophie als Ausdruck einer Lebensverneinung

Friedrich Wilhelm Joseph Schelling als ausgemachter Protagonist einer ›Begründung des Seins auf dem Nichts und dem Bösen‹

›Begreifen‹ contra ›Anschauung‹

›Etwas ganz und gar Grund-Reales‹

EXKURS: Zu Grundtvigs Modell eines ›Grund-Realen‹ versuchsweise der Ansatz des amerikanischen Pragmatikers Charles Sanders Peirce (1839-1914) gestellt

Das »WOULD BE« bei Peirce im seinem Verhältnis zu Grundtvigs Geschichtsdialektik

Die aus einem ›Grund-Realen‹ abgeleiteten Maximen

Die beiden Schlusskapitel:

Das »WOULD BE« bei Peirce im seinem Verhältnis zu Grundtvigs Geschichtsdialektik 

Das Peirce’sche mit einem spezifischen Zeichensystem operierende Verfahren sei nun einer Geschichtsdialektik gegenübergestellt, auf die sich Grundtvig dergestalt beruft, dass er das von ihm vornehmlich in den Jahren um 1815 unter den Begriff ›historisch‹ (historisk) Eingeordnete insbesondere in seiner oben bereits mehrfach zitierten ›Weltchronik von 1817‹ (Udsigt over Verdens-Krøniken 1817) direkt auf ein ›wahres Wissen‹ (sand Vidskab) innerhalb eines Systems bezieht, auch wenn er zur gleichen Zeit expressis verbis ›jedes philosophische System als ganzes als eine große Lüge‹ (siehe im folgenden) abtut. Grundtvig wollte zu einem ›wahren Begriff vom Menschen und vom menschlichen Wissen‹ kommen, wofür in seiner programmatischen Schrift Danne-Virke 1 (1816) eigens eine Terminologie entwickelt ist:

»Holde vi nu fast ved den klare Sandhed [meine Hervorhebung, H. N.] at det er det timelige Menneske vor Fornunft kan og skal begribe [meine Hervorhebung, H. N.], da indsee vi let at al sand Vidskab [meine Hervorhebung, H. N.] maae i alle Maader være historisk; historisk fordi Fornuften finder intet i sig selv uden Maalestokken for timelig Sandhed [meine Hervorhebung, H. N.], og maae udenfor sig søge Vidskabens Indhold [meine Hervorhebung, H. N.], historisk, fordi Mennesket udvikler sig i Tiden og kan kun begribes [meine Hervorhebung, H. N.] i den, historisk, fordi den maae være stykkevis og kan kun sluttes med Tiden. Heraf følger først at enhver Vidskabs-Lære [meine Hervorhebung, H. N.] som ei forklarer Krøniken er falsk, og dernæst at enhver saadan der udgiver sig for at være færdig, ethvert philosophisk System er som Heelt en stor Løgn, hvormegen Sandhed [meine Hervorhebung, H. N.] det end i det Enkelte kan have, thi er det Mennesket som skal begribes [meine Hervorhebung, H. N.], udvikler Mennesket sig i Tiden, og er Fornuften Udtrykket for det sig giennem Tiden udviklende menneskelige Begreb [meine Hervorhebung, H. N.], da kan vi jo under Tidens Løb ei have noget sandt Begreb [meine Hervorhebung, H. N.] om Menneske eller menneskelig Vidskab [meine Hervorhebung, H. N.] uden som om noget der er i Begreb [meine Hervorhebung, H. N.] med at udvikle sig, og ei i Sandhed begribe [meine Hervorhebung, H. N.] mere end hvad der alt er udviklet, eftersom Begrebet [meine Hervorhebung, H. N.] er just det eneste som udvikler sig. Heraf følger endelig, at dersom det ogsaa var muligt at Fornuften kunde udvikle sig i Sandhed [meine Hervorhebung, H. N.] uden foreløbig Sandheds-Kundskab [meine Hervorhebung, H. N.], saa var den dog ikke nogensinde under Tidens Løb istand til at fyldestgiøre Mennesket, give ham et fuldstændigt og klart Begreb [meine Hervorhebung, H. N.] om Mennesket i sin hele Fylde. (Danne-Virke, 1 (1816):120 f.)

(Meine Übersetzung: ›Halten wir an der klaren Wahrheit fest, dass es der in der Zeit lebende Mensch ist, den unsere Vernunft begreifen kann und muss, dann sehen wir leicht ein, dass alles wahre Wissen in jeder Weise historisch sein muss; historisch, weil die Vernunft ohne den Maßstab für die Wahrheit in der Zeit nichts in sich selber findet und somit außerhalb ihrer selbst den Inhalt des Wissens suchen muss; historisch, weil der Mensch sich in der Zeit entwickelt und nur in ihr begriffen werden kann; historisch, weil alles wahre Wissen stückweise sein muss und nur mit der Zeit abgeschlossen werden kann. Hieraus folgt, dass erstens jede Wissens-Lehre [sic!], die nicht die Chronik erklärt, falsch ist, und dass zweitens alles, was den Anspruch erhebt, etwas Fertiges zu sein, ein jedes philosophische System als ganzes eine große Lüge ist, wie viel Wahrheit auch im einzelnen enthalten sein mag. Denn begriffen werden muss der Mensch, und da sich der Mensch in der Zeit entwickelt und die Vernunft der Ausdruck ist für den sich durch die Zeit entwickelnden auf den Menschen bezogenen Begriff, können wir während des Zeit[ab]laufs nicht einen wahren Begriff vom Menschen oder vom menschlichen Wissen haben, sondern einzig und allein von etwas, das im Begriffe ist, sich zu entwickeln, und [können wir] in Wahrheit nicht mehr begreifen als was schon entwickelt ist, zumal das einzige, das sich entwickelt eben der auf den Menschen bezogene Begriff ist. Hieraus folgt schließlich, dass, wenn es auch möglich wäre, dass sich die Vernunft in Wahrheit ohne vorherige Wahrheits-Kenntnis [sic!] entwickeln könnte [sic!], diese Vernunft doch niemals während des Zeit[ab]laufs im Stande wäre, dem Menschen zu genügen, einen vollständigen und klaren Begriff vom Menschen in seiner ganzen Fülle (in allem, was er ist) zu geben.‹)«

Die Schlüsselwörter in diesem Zitat sind Sandhed (›Wahrheit‹), sand (›wahr‹), den klare Sandhed (›die klare Wahrheit‹), Vidskab (›Wissen‹), sand Vidskab (›wahres Wissen‹) historisk (›historisch‹), Tiden (›die Zeit‹), timelig (›zeitlich‹, ›in der Zeit‹, ›in der Zeit lebend‹), begribe (›begreifen‹), Begreb (›Begriff‹), Fornuft (›Vernunft‹), Menneske (›Mensch‹), menneskelig (›menschlich‹), Fylde (›Fülle‹) – siehe hierzu auch Jonas:245 ff.

In auffallender Übereinstimmung mit dem soeben umrissenen Grundtvig’schen Begriff von Geschichte als in einem weiten Sinne Heilsgeschichte resultiert bei Peirce Erkenntnis aus einem would be, bezogen auf die legitimen, das heißt mit gutem Grund bestehenden Erwartungen von Einsichten nach ›zureichender kognitiver Entwicklung‹ (after sufficient development of thought):

»[…] effect that would be produced on the mind by the Sign after sufficient development of thought [meine Hervorhebung, H. N.], […] because it is that which would finally be decided to be the true interpretation if consideration of the matter were carried so far that an ultimate opinion [meine Hervorhebung, H. N.] were reached.«(CP 8.184, 8.343)

Da bleibt im Sinne Grundtvigs noch die Frage, ob und wieweit unsere Erkenntnisfähigkeit uneingeschränkt sein kann, oder ob katexochen wir nur das zu erkennen fähig sind, was wir auch selber zu tun und zu machen in der Lage sind, wie das anschaulich aus Bertrand Russells Beschreibung der Überlegungen des italienischen Philosophen Giambattista Vico (1668 – 1744) erhellt:

»Die leibnizsche Konzeption [von einer Allmacht Gottes], die jeder gottesfürchtige Christ, Vico inbegriffen, annähme, führt den Italiener [also Vico] zu einer neuen Begründung der Erkenntnistheorie. Danach hat Gott vollkommene Erkenntnis der Welt, weil sie von ihm erschaffen ist. Der Mensch aber, da selbst erschaffen, kennt die Welt nur unvollkommen. Für Vico ist die Bedingung der Erkenntnis einer Sache die Erschaffung dieser Sache. Die Grundformel lautet, dass wir nur das zu kennen fähig sind, was wir tun oder machen können. (Wahrheit ist ›Tat-Sache‹). […]«(Russell)

Entsprechendes ergibt sich mutatis mutandis auch aus den Überlegungen von Peirce, wo die erkenntnistheoretische Fragestellung Kants, auf die Peirce immer wieder zurückgegreift, zu einer ›sinneskritischen‹ wird und wo das Existieren von ›Wirklichkeit‹ (reality) im Wahrnehmungs- und Erfahrungsurteil (perceptual judgment) aufgehoben ist. Im Peirce’ System einer Zeichenverweisung (»we think only in signs« – CP 2.302)¹, seiner ›Semiotik‹ (Nägele 1966) gelangt man in der Begegnung mit dem ›anderen‹, der »otherness« (CP 2.296) zu dem, wie Peirce voraussetzt, in einer Kommunikationsgesellschaft schon immer vermittelten ultimate interpretant, von ihm seit 1906 behaviouristisch als final habit, als normatives habit definiert, welches als das normal interpretant gilt und für eine ultimate reality steht (CP 8.314, 8.343). In der semiotischen Terminologie heißt das:

»It is likewise requisite to distinguish the Immediate Interpretant, the Interpretant represented or signified in the Sign, from the Dynamic Interpretant, or effect actually produced on the mind by the Sign; and both of these from the Normal Interpretant, or effect that would be [meine Hervorhebung, H. N.] produced on the mind by the Sign after sufficient development of thought [meine Hervorhebung, H. N.].«(CP 8.343)

Die aus einem ›Grund-Realen‹ abgeleiteten Maximen 

Die soeben gegebene Gegenüberstellung müsste gezeigt haben, dass die Peirce’sche ultimate reality in Verbindung mit einem ultimate interpretant als normatives final habit weitgehend zu Grundtvigs Modell von einem ›Grund-Realen‹ mit den daraus abzuleitenden Maximen passt. Die pragmatischen Schlüsse der beiden lassen sich ebenso vergleichen wie auch schon der jeweils dialektische Verlauf hin zu einem gültigen Begriff einer verpflichtenden Realität. Hinzu kommt, dass ähnlich wie Peirce auch Grundtvig durch Klärung der Begriffe nicht fremdbestimmte Bildung zu ermöglichen sucht. Das Anliegen Grundtvigs, Humanität zu entwickeln und zu einer demokratisch überschaubaren, menschenwürdigen Weltordnung zu gelangen (Nägele 1971c; 1992; 1995; 2007), ist auch das Ziel von Peirce. Für beide gilt, dass in einer zivilisierten Welt jedermann ein Recht darauf habe, seine Fähigkeiten voll und ganz zur Geltung zu bringen. Jeder Standpunkt verdiene es, vorgetragen, seriös erörtert und nach Kräften gegebenenfalls umgesetzt zu werden. Daher müsse ein jeder und eine jede die Möglichkeit haben, sich klar und deutlich zu artikulieren, um für eine als richtig erkannte Sache mit den eigenen Worten einzustehen.

Zu denken wäre an ein Gemeinwesen, das von Individuen getragen ist, die wissen, was ihnen guttut und was nicht, und die darin gefestigt sind, kompetent sich in der Sache auseinanderzusetzen, um zu Übereinkünften zu gelangen, die den Gegebenheiten gerecht werden. Dass ein jeder und eine jede das seine zu sagen hat lässt wenig Raum für Tabuisierungen, die herhalten müssen, wo mangels eigener Kompetenz einer ›political correctness‹ aufgeholfen werden soll. In der offenen Gesellschaft kommt es auf die Auseinandersetzung in der Sache an, wobei wie gesagt die Gültigkeit eines jeden Standpunkts in seinem eigenen Recht garantiert sein muss, auch und gerade da, wo es sich um die wundesten Stellen handelt, und erst recht wenn etwas ansteht, das mit einer Überschreitung verbunden sein könnte. Was im konkreten Falle zu tun ist, darüber hat das Gemeinwesen, will sagen eine von allen getragene Gemeinschaft zu befinden, in der jeder und jede befähigt ist, die erforderlichen Initiativen zu ergreifen, in Gestalt von Hilfeleistungen auf Gegenseitigkeit oder mit stützenden Bildungsangeboten.

In der dänischen Sprache von heute heißt eine solche Ausrichtung Nærdemokrati (’Nahdemokratie’). Gemeint ist eine Demokratie, die selbstredend nicht zu vermengen ist mit den üblichen quasi-parlamentarischen Mal-So-Und-Mal-So-Mehrheitsbeschlüssen, die Grundtvig rundheraus verworfen hat. Wie die Benennung Nærdemokrati es sagt, geht es darum, was in einem Miteinander auf Gegenseitigkeit das Naheliegende ist und was durch jeden und jeder von uns mitgestaltet werden kann.

Zu diesem Grundgedanken bedarf es in der dänischen Gesellschaft keiner Erörterung. Ganz anders und offensichtlich weitgehend so gewünscht, dazu sehr oft im Unterschied zu einem gewissen europäischen Standard spielt es sich noch immer im Bereich des Deutschen ab, wovon auch das eingangs gegebene Zitat aus einem offiziellen ›EU-Bildungsprogramm für lebenslanges Lernen in Deutschland‹ zeugt.

ISBN 978-3-938531-20-4)

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Neu ab 5.2.2015: Das neue Buch von Horst Waldemar Nägele
– WAS EIN VOLK AUSMACHT – Was sich so alles machen lässt und durch die Bürger getragen wird –Buch

Es werden Strategien unter die Lupe genommen, mit denen man noch immer meint, eine ernsthafte Aufarbeitung der jüngeren deutschen Vergangenheit umgehen zu können. Es handelt sich um das Getriebe in einem stetig sich steigernden Wirtschaftswachstum bis hin zu (erneut) daseinsfremden Spekulationen auf eine deutsche Führerrolle in der Welt, und das unter Zuhilfenahme von (vornehmlich exotisch klingenden) Worthülsen, welche herzuhalten haben, wo es an (bürgernaher) Verantwortlichkeit fehlt.

Horst Waldemar Nägele,
Dr. phil. (Kiel, 1969), Vergleichende Literatur. Geb. 1934 in Stuttgart. Wohnt in Dänemark. Studium auch in England und in Dänemark. Zeitweise in buddhistischen Klöstern im fernen Osten. In jungen Jahren Verwaltungs- und Betriebsbeamter. Jens-Baggesen-Preis (2006), Alfred-Müller-Felsenburg-Preis für aufrechte Literatur (2010).

  • Was ein Volk ausmacht:
    Was sich so alles machen lässt und durch die Bürger getragen wird

    von Horst Waldemar Nägele (Autor)
  • Taschenbuch: 52 Seiten
  • Verlag: Autumnus Verlag (5. Februar 2015)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3944382498
  • ISBN-13: 978-3944382494

 T E X T A U S Z U G :

»Konkrete Bildungsangebote statt quasi-politische Muskelspiele«

(Auszug aus dem Essay »Was ein Volk ausmacht – Was sich so alles machen lässt und durch die Bürger getragen wird«, erschienen in der Buchreihe MONDIALIKON im Autumnus-Verlag, 2015)

Es werden Strategien unter die Lupe genommen, mit denen man noch immer meint, eine ernsthafte Aufarbeitung der jüngeren deutschen Vergangenheit umgehen zu können. Es handelt sich um das Getriebe in einem stetig sich steigernden Wirtschaftswachstum bis hin zu (erneut) daseinsfremden Spekulationen auf eine deutsche Führerrolle in der Welt, und das unter Zuhilfenahme von (vornehmlich exotisch klingenden) Worthülsen, welche herzuhalten haben, wo es an (bürgernaher) Verantwortlichkeit fehlt. 

Viele meinen, mit den so bequemen Schimpfwörtern »Nazis«, »Nazideutschland« und dergleichen über einiges hinwegzukommen, ohne auch nur ansatzweise zu reflektieren, wie durch ein überlegtes eigenes Handeln so manches hätte ganz anders verlaufen können damals. Es ist sehr beliebt heute, die eigene Verantwortung (auch für das, wozu man selbst noch nicht hat verantwortlich gemacht werden können biografisch gesehen) auf die Chiffren »Nazis« oder »Nazideutschland« oder gar auf Termini aus der Psychiatrie zu extrapolieren, um einigen Freiraum zu gewinnen für ein Mitschwimmen in einem (neuerlichen) »mainstream«.

In diese Kategorie kann man mit Bedacht auch die weithin gepriesene so bezeichnete »Große Rede« eines Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker einordnen. Weizsäcker meinte als Staatsoberhaupt verkünden zu müssen, es könne niemals davon gesprochen werden, dass Deutschland sozusagen besiegt worden ist, nein, zu gedenken sei vielmehr einer »Befreiung«. Vorgebracht von jemanden, der aus einer Familie ist, die es vermochte, durch alle Zeiten und über alles hinweg immer noch höher und noch höher hinauf zu gelangen, und die auch in unseren Tagen wieder viel von sich reden macht, ähnlich wie das in der Zeit der Französischen Revolution auf den französischen Politiker Charles-Maurice de Talleyrand-Périgord (1754-1838) zutraf, der für die unterschiedlichsten Regierungen wichtig gewesen ist und zu seinem Vorteil diese alle überlebt hat.

Auch wenn niemals zu bestreiten sein wird, dass durch Eingriffe von außen einiges gerade noch hat abgewendet werden können in den letzten Kriegstagen, wäre dennoch die Frage zu stellen, was ein Berufspolitiker oder ein Bundespräsident mit seinen reichlich deplacierten, zumindest aber überflüssigen Bemerkungen hatte bewirken wollen. Hoffentlich nicht das, was den Schnellschüssen Weizsäckers folgte.

In den deutschen Medien begann es nämlich sogleich zu jubilieren von einer »großen Rede eines Staatsoberhaupts«, fast ohne Ausnahme kann man sagen und in einem schwer noch zu fassenden Gleichklang. Und vor allem auch ohne jeden Versuch einer Definition dessen, was als das »Große« betrachtet wird oder als das »Große« betrachtet werden könnte in dieser Rede, mit welcher ganz deutlich alles andere als eine Kommunikation mit den Bürgern gesucht wurde, sondern im Gegenteil auf mündige Zeitgenossen herabgeredet worden ist, als sollten Schuldgefühle generiert werden.

Besser wäre es, ein Gemeinwesen zu respektieren, das von Individuen getragen ist, die wissen, was ihnen guttut und was nicht, und die darin gefestigt sind, kompetent sich in der Sache auseinanderzusetzen, um zu Übereinkünften zu gelangen, die den Gegebenheiten gerecht werden. Wo ein jeder und eine jede das seine zu sagen hat, ist wenig Raum für Tabuisierungen, die herhalten müssen, wo mangels eigener Kompetenz einer recht fragwürdigen »political correctness« aufgeholfen werden soll. In so etwas wie einer offenen Gesellschaft kommt es auf die Auseinandersetzung in der Sache an, wobei wie gesagt die Gültigkeit eines jeden als seriös zu betrachtenden Standpunkts in seinem eigenen Recht garantiert sein muss, auch und gerade da, wo es sich um die wundesten Stellen handelt, und erst recht wenn etwas ansteht, das mit einer Überschreitung verbunden sein könnte. Was im konkreten Falle zu tun ist, darüber hat das Gemeinwesen, will sagen eine von allen getragene Gemeinschaft zu befinden, in der jeder und jede befähigt ist, die erforderlichen Initiativen zu ergreifen, in Gestalt von Hilfeleistungen auf Gegenseitigkeit oder ganz allgemein indem man lebensnahes Wissen weitergibt.

In der dänischen Sprache von heute zum Beispiel heißt eine solche Ausrichtung »Nærdemokrati« (›Nahdemokratie‹). Gemeint ist eine Demokratie, die selbstredend nicht zu vermengen ist mit den üblichen quasi-parlamentarischen Mal-So-Und-Mal-So-Mehrheitsbeschlüssen, die der Initiator der dänischen (Heim-)Volkshochschulen Nikolaj Frederik Severin Grundtvig (1783-1872) rundheraus verworfen hat. Wie die Benennung »Nærdemo­krati« es sagt, geht es darum, was in einem Miteinander auf Gegen­seitigkeit das Naheliegende ist und was durch jeden und jeder von uns mitgestaltet werden kann.

Zu diesem Grundgedanken bedarf es zum Beispiel in der dänischen Gesellschaft keiner Erörterung. Ganz anders und offensichtlich weitgehend so gewünscht, zudem sehr oft im Unterschied zu einem gewissen euro­päischen Standard, läuft es noch immer im Bereich des Deutschen ab.

So braucht es natürlich nicht zu sein. Es können wie angedeutet Bildungsangebote gemacht werden, von kundiger Seite und entsprechend den Ressourcen, über die man verfügt. Anstatt, wie oben dargestellt, zu posaunen von einer »großen Rede« eines Bundespräsidenten (Richard von Weizsäcker), welcher, wie auch seine Familie, in herausragender Weise kann man sagen über solche Ressourcen müsste bestimmen können. Noch immer hat das Volk sehr viel Unnützes, Destruktives über sich ergehen zu lassen, das eher einer Verdummung, Volksverdummung kann man sagen, dient, als einer Weiterbildung oder der sachlichen Information.

Auf keinen Fall von Nöten sind noch einmal solche zudem mit Drohgebärden gespickten Kraftreden, die einer nach wie vor angeschlagenen, wenn man nicht sagen will kaum jemals real bestandenen deutschen Identität meinen aufhelfen zu müssen. Erst recht nicht gefragt sind so etwas wie mit einer willfährigen Presse kokettierende Bundespräsidenten oder etwa noch immer klingende »Alt«-Kanzler-Blähungen. Ganz dringend gebraucht werden vielmehr konkrete Bildungsangebote, denen der individuelle Gestaltungswille eines jeden von uns ein Anliegen ist.

Verfasst von Horst Waldemar Nägele

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