KURZVITA Horst Nägele

KURZVITA Horst Nägele

Horst W. Nägele, AMF-Preisträger 2010

Foto: www.lyrikwelt.de

HORST WALDEMAR NÄGELE, Dr. phil. (Kiel 1969), geboren am 29. Mai 1934 in Stuttgart, wohnt heute auf der Insel Fünen/Dänemark, war Verwaltungsbeamter und Betriebsmanager, später Sprachwissenschaftler, Philosophie- und Literaturhistoriker (Universitätsstudium in Kiel, Newcastle upon Tyne, Aarhus) mit Schwerpunkt Semiotik, deutscher Idealismus, Jens Baggesen (Der deutsche Idealismus in der existentiellen Kategorie des Humors, Band 1 der Reihe ›Skandinavistische Studien‹, 1971; sowie: Deutsche Vierteljahrsschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte 1971; Jahrbuch des Freien Deutschen Hochstifts 1972 und 1974; »Wider die germanische Idealität. Jens Baggesen, ein ketzerischer Poet der Goethezeit« als Matinee im Südwestfunk 1974), N. F. S. Grundtvig (Grundtvig Studier 1971, 1995 und 2011; Nomos 2007; Fønix 2011), J. P. Jacobsen (Band 117 der Sammlung Metzler). War Mitinitiator des Kieler Sonderforschungsbereichs ›Skandinavien‹, hat Jens-Baggesen-Texte ediert (Danske Studier, Jahrbuch des Freien Deutschen Hochstifts) und war zuletzt am Institut für Literaturwissenschaft und Semiotik an der Odense Universitet tätig.

Schrieb Erzählungen, einen Roman in dänischer Sprache (Spidstegt Lam. Et alternativt orienteringsløb, Åløkke Forlag, 1985), einen deutschen Antiroman (Anflüge. MIND GAMES deutsch, Verlag Die Blaue Eule, 1990), den Roman Lebenslanges Suchen. Zwischen Europa 1912 und immer wieder Afrika (Gabriele Schäfer Verlag, 2007), den Text Schwimmzüge. Eine fortlaufende Geschichte (Verlag Turnshare, 2008), den Lyrikband zeitlos zeit. UNPOLITISCHE UND POLITISCHE GEDICHTE (Verlag Turnshare, 2008) wie auch das Gedichtbändchen schmiegende brecher. unbescholtene gedichte aus weiten gärten (Mitteldeutscher Literaturverlag AMICUS, 2004), außerdem psychologische Sachbücher mit buddhistisch orientierten Meditationsanleitungen (Spurbuchverlag, 1997 und 1998), zuletzt Liebe leben. Meditationen der Achtsamkeit für ein umsichtiges Miteinander. (Verlag Zeitenwende, 2010), er tritt für die Menschenrechte, für die Umwelt, für das Recht des Lebens wie auch für eine gedeihliche Kommunikation der Bürger im Sinne Grundtvigs ein. Neuester Artikel: »Selbstbestimmung contra heteronome Machtansprüche. Zu Nikolaj Frederik Severin Grundtvigs Eintreten für eine offene, sich an den einzelnen Menschen zu orientierende Bürgergesellschaft«, Mondialikon. Zeitschrift für Denkkultur, (Berlin: Autumnus) 2010 (Jg. 1, Heft 1), pp. 4-23). Neuestes Buch: Was ein Volk ausmacht. Was sich so alles machen lässt und durch die Bürger getragen wird (Autumnus Verlag, 2015).

Mitgliedschaft bei der Internationalen Schelling-Gesellschaft und bei der J. P. Jacobsen Selskabet.

Auszeichnungen/Ehrungen/Preise: Jens Baggesen-Preis der Stadt Korsør/Dänemark (2006). Alfred Müller-FelsenburgPreis für aufrechte Literatur, Hagen (2010).

Weitere Information gibt das Deutsche Schriftstellerlexikon.

STUTTGARTER WOCHENBLATT 14. 01. 2010

(Stadtteil NECKARHAFEN)

Kindheitserinnerungen eines Untertürkheimers

Horst W. Nägele schreibt über die Nachkriegszeit in den Neckarvororten

UNTERTÜRKHEIM/FÜNEN

„Schwimmzüge“ heißt das Buch des Autors Horst W. Nägele, der auf der dänischen Insel Fünen lebt, aber in Untertürkheim aufgewachsen ist. 1934 geboren, beschreibt Nägele in seinem beinahe lyrisch anmutenden Prosaband Geschichtliches aus Untertürkheim, Bad Cannstatt und der Umgebung aus den Jahren 1944 und danach.

Horst W. Nägele gehört der Generation an, die als Kinder Nazideutschland erleben mussten, um ihre Kindheit gebracht worden sind und dann in eine Nachkriegszeit gerieten, in der materiell alles gut war, aber von ihren Traumatisierungen keiner etwas hören wollte. Schwimmzüge“ ist ein Buch, das beweist, dass eine Vergangenheit, auch wenn sie nicht erwünscht ist, sich ihren Platz greift: An lebensbedrohlichen Situationen wird ein Leben lang gelitten. Sie verlassen einen nie.

Frieder, der Protagonist des Buches, ist in den Ebbsog an der Atlantikküste geraten und ringt verzweifelt mit dem Tod. Dann setzt endlich die Flut ein und spült ihn ans Ufer zurück.

Auf dem durchwärmten Sand durchlebt er noch einmal das Kriegsjahr 1944 und die Zeit danach.

Es durchzucken ihn all die Urängste, die er mit sich trägt seit der Kriegszeit. Er ist wieder der zehnjährige Junge in einer Bombennacht 1944. Es brummt von Fliegern, es schlagen Bomben ein. „Ein schmales Buch, das mit Wucht von unfasslicher existenzieller Not erzählt“, urteilt ein Rezensent.

Nägele hat in Untertürkheim das Abitur gemacht und war leitend auf Postämtern in Esslingen, Stuttgart und Sindelfingen tätig. Er lebt seit Jahrzehnten in Dänemark und ist dort als Skandinavist tätig. Diese Distanz zu Deutschland erlaube ihm einen kritischeren Blick als seine Generation ihn sich sonst zutraut, heißt es in einer Rezension der „Schwimmzüge“. Nägele hat schon mehrere Bücher veröffentlicht. Er schreibt auch auf Dänisch und hat seinen Platz in der Literaturlandschaft Dänemarks.

Geschichten aus der Vergangenheit

Besprechung in der CANNSTATTER/UNTERTÜRKHEIMER ZEITUNG  vom 2. Februar 2010

UNTERTüRKHEIM: Horst W. Nägele verarbeitet im Buch „Schwimmzüge“ seine Kindheitserinnerungen

(jps) – In seinem Buch „Schwimmzüge“ verarbeitet der in Luginsland aufgewachsene Horst W. Nägele seine Kindheitserinnerungen aus der Zeit der Endphase des Zweiten Weltkriegs. Der seit Jahrzehnten auf der dänischen Insel Fünen lebende Autor fühlt sich seiner schwäbischen Heimat bis heute sehr verbunden.

Frieder, ein Rucksackreisender Anfang dreißig, ringt vor der Atlantikküste mit dem gewaltigen Sog des Ebbstroms. Zurück an den Strand gespült, hört er die volle Stunde schlagen und nach dem Sog des Wassers zerrt nun ein Sog der Erinnerungen an ihm. Unvermittelt sieht er sich zurückversetzt in das Jahr 1944, als zehnjähriger Junge flüchtend vor den Angriffen der alliierten Bomber über Stuttgart.

„Schwimmzüge“ heißt das Buch von Horst W. Nägele, der mit der Geschichte Frieders auch die eigene Vergangenheit aufarbeitet. Seine Kindheit, die geprägt ist von den wiederkehrenden Fliegerangriffen, den Bomben auf das Daimler-Werk, der Angst und der Ohnmacht angesichts der lebensbedrohlichen Situation. Was für beide bleibt, ist die Flucht aus Luginsland, Anfang März, nur zwei Tage nach einem verheerenden Angriff der Alliierten mit über 500 Bombern : „Nur weg von hier – weit weg! Zu Fuß mit den anderen zusammen die acht Kilometer bis nach Obertürkheim, von wo noch ein Vorortszug nach Esslingen ging – und dort gleich in einen Zug Richtung Tübingen!“ Doch er kehrt zurück, nach Hause zur Mutter, die zu ihm sagt: „Wenn wir schon sterben, dann wenigstens zusammen.“ Nägele erzählt von den Plünderungen, den Entbehrungen der Nachkriegszeit, von der langsamen Rückkehr in die vermeintliche Normalität und davon, dass einen das Erlebte nie ganz loslässt. Es sind Eindrücke, die bis heute haften geblieben sind.

Geboren 1934 studiert Nägele, der in Untertürkheim sein Abitur gemacht hat, Anfang der 60er-Jahre Germanistik, Skandinavistik, Anglistik und Philosophie an den Universitäten in Kiel und Newcastle upon Tyne. Es folgt ein Auslandssemester im dänischen Aarhus, wo er sich intensiver mit der dänischen Literatur beschäftigt, besonders der Schriftsteller Jens Baggesen hat es ihm angetan. Und das Land selbst. Der Schwabe bleibt, wird sesshaft auf der Insel Fünen, unterrichtet an der Hochschule Sprachen, widmet sich seinen literarischen Forschungen. In den 80ern dann beginnt er selbst ein Buch zu schreiben, auf Dänisch. „Mehr aus Jux“, wie er sagt, doch ein Verlag veröffentlicht das Erstlingswerk. Aus der Erkenntnis, dass sein Schreiben im Dänischen zu limitiert ist, folgt 1990 mit „Anflüge“ der erste deutschsprachige Roman. „Wenn ich schon schreibe, dann will ich es ganz genau machen.“

Die Heimat seiner Erinnerungen hat er immer wieder besucht, letztes Jahr erst mit seiner Frau. Er staunt jedes Mal, was sich alles verändert hat im Laufe der Jahrzehnte. Ob es weitergeht mit der „fortlaufenden Geschichte“, weiß Nägele nicht. Der kommerzielle Erfolg ist seine Sache nicht: „Ich habe es geschrieben, weil ich es schreiben wollte.“

„Schwimmzüge“, Prosa von Horst W. Nägele (2009, Verlag Turnshare). 13 Euro, ISBN 978-1847900180.

###############################################

Für eine aktive Bürgergesellschaft
Von Horst Nägele

Immer mehr hört man in diesen Tagen von Bürgerinnen und Bürgern, die wissen, was ihnen guttut und was nicht, und die entschlossen sind, sich in einer Sache auseinanderzusetzen, um zu angemessenen Resultaten zu gelangen, die ihren Bedürfnissen gerecht werden. Eine Welt tut sich da auf, in der jedermann das seine und das ihre zu sagen hat und dann auch dafür eintritt.
Gefragt ist die sachliche Auseinandersetzung in erster Linie in einer offenen Gesellschaft, in der jeder Standpunkt in seinem eigenen Recht Gültigkeit hat. In einem von allen getragenen Gemeinwesen ist soviel wie jeder und jede von uns befähigt, zu verwirklichen was erforderlich ist und gegebenenfalls Initiativen zu ergreifen, zunächst einmal indem man gegenseitig hilft, Wissen vermittelt, Erfahrungen weitergibt.
Eine solche Ausrichtung heißt, um ein Beispiel zu nennen, in Dänemark ›Demokratie der Nähe‹ (Nærdemokrati). Es ist da die Rede von Selbstbestimmung der Individuen, die sich nicht mit parlamentarisch zu verantwortenden Mal-So-Und-Mal-So-Mehrheitsbeschlüssen zufrieden geben möchten und sich berufen auf den Initiator der Heimvolkshochschulen, den dänischen Theologen und Pädagogen Nikolaj Frederik Severin Grundtvig (1783 – 1872), der für (quasi-)parlamentarische Mehrheitsbeschlüsse nicht viel übrig hatte. Ausgangspunkt habe zu sein was in einem Miteinander durch jeden und jeder von uns verstanden und mitgestaltet werden kann.

Obenstehender Artikel basiert auf:

HORST W. NÄGELE: »Selbstbestimmung contra heteronome Machtansprüche.
Zu Nikolaj Frederik Severin Grundtvigs Eintreten für eine offene, sich an den einzelnen Menschen zu orientierende Bürgergesellschaft«
(IN: MONDIALIKON Zeitschrift für Denkkultur, Nr. 1/2010)
Die Kapitelüberschriften:
›Zuerst Mensch und dann Christ‹
Die neuhochdeutsche Schriftsprache als ein Überbau
Das Begriffspaar ›Idealismus‹ und ›Materialismus‹ mit Bezug auf Napoleon
Grundtvigs Angebot eines direkten Dialogs mit einem deutschsprachigen Publikum
Friedrich Schillers Dramen als ein ›Blendwerk‹
Die Setzungen der idealistischen Philosophie als Ausdruck einer Lebensverneinung
Friedrich Wilhelm Joseph Schelling als ausgemachter Protagonist einer ›Begründung des Seins auf dem Nichts und dem Bösen‹
›Begreifen‹ contra ›Anschauung‹
›Etwas ganz und gar Grund-Reales‹
EXKURS: Zu Grundtvigs Modell eines ›Grund-Realen‹ versuchsweise der Ansatz des amerikanischen Pragmatikers Charles Sanders Peirce (1839-1914) gestellt
Das »WOULD BE« bei Peirce in seinem Verhältnis zu Grundtvigs Geschichtsdialektik
Die aus einem ›Grund-Realen‹ abgeleiteten Maximen

Auszüge aus den beiden Schlusskapiteln:

Das »WOULD BE« bei Peirce im seinem Verhältnis zu Grundtvigs Geschichtsdialektik
Das Peirce’sche mit einem spezifischen Zeichensystem operierende Verfahren sei nun einer Geschichtsdialektik gegenübergestellt, auf die sich Grundtvig dergestalt beruft, dass er das von ihm vornehmlich in den Jahren um 1815 unter den Begriff ›historisch‹ (historisk) Eingeordnete insbesondere in seiner oben bereits mehrfach zitierten ›Weltchronik von 1817‹ (Udsigt over Verdens-Krøniken 1817) direkt auf ein ›wahres Wissen‹ (sand Vidskab) innerhalb eines Systems bezieht, auch wenn er zur gleichen Zeit expressis verbis ›jedes philosophische System als ganzes als eine große Lüge‹ (siehe im folgenden) abtut. Grundtvig wollte zu einem ›wahren Begriff vom Menschen und vom menschlichen Wissen‹ kommen, wofür in seiner programmatischen Schrift Danne-Virke 1 (1816) eigens eine Terminologie entwickelt ist:
›[..] dass es der in der Zeit lebende Mensch ist, den unsere Vernunft begreifen kann und muss, dann sehen wir leicht ein, dass alles wahre Wissen in jeder Weise historisch sein muss; historisch, weil die Vernunft ohne den Maßstab für die Wahrheit in der Zeit nichts in sich selber findet und somit außerhalb ihrer selbst den Inhalt des Wissens suchen muss; historisch, weil der Mensch sich in der Zeit entwickelt und nur in ihr begriffen werden kann; historisch, weil alles wahre Wissen stückweise sein muss und nur mit der Zeit abgeschlossen werden kann. Hieraus folgt, dass erstens jede Wissens-Lehre [sic!], die nicht die Chronik erklärt, falsch ist, und dass zweitens alles, was den Anspruch erhebt, etwas Fertiges zu sein, ein jedes philosophische System als ganzes eine große Lüge ist, wie viel Wahrheit auch im einzelnen enthalten sein mag. Denn begriffen werden muss der Mensch, und da sich der Mensch in der Zeit entwickelt und die Vernunft der Ausdruck ist für den sich durch die Zeit entwickelnden auf den Menschen bezogenen Begriff, können wir während des Zeit[ab]laufs nicht einen wahren Begriff vom Menschen oder vom menschlichen Wissen haben, sondern einzig und allein von etwas, das im Begriffe ist, sich zu entwickeln, und [können wir] in Wahrheit nicht mehr begreifen als was schon entwickelt ist, zumal das einzige, das sich entwickelt eben der auf den Menschen bezogene Begriff ist. Hieraus folgt schließlich, dass, wenn es auch möglich wäre, dass sich die Vernunft in Wahrheit ohne vorherige Wahrheits-Kenntnis [sic!] entwickeln könnte [sic!], diese Vernunft doch niemals während des Zeit[ab]laufs im Stande wäre, dem Menschen zu genügen, einen vollständigen und klaren Begriff vom Menschen in seiner ganzen Fülle (in allem, was er ist) zu geben.‹
In auffallender Übereinstimmung mit dem soeben umrissenen Grundtvig’schen Begriff von Geschichte als in einem weiten Sinne Heilsgeschichte resultiert bei Peirce Erkenntnis aus einem would be, bezogen auf die legitimen, das heißt mit gutem Grund bestehenden Erwartungen von Einsichten nach ›zureichender kognitiver Entwicklung‹ (after sufficient development of thought):
»[…] effect that would be produced on the mind by the Sign after sufficient development of thought [meine Hervorhebung, H. N.], […] because it is that which would finally be decided to be the true interpretation if consideration of the matter were carried so far that an ultimate opinion [meine Hervorhebung, H. N.] were reached.«(CP 8.184, 8.343)
Da bleibt im Sinne Grundtvigs noch die Frage, ob und wieweit unsere Erkenntnisfähigkeit uneingeschränkt sein kann, oder ob katexochen wir nur das zu erkennen fähig sind, was wir auch selber zu tun und zu machen in der Lage sind, wie das anschaulich aus Bertrand Russells Beschreibung der Überlegungen des italienischen Philosophen Giambattista Vico (1668 – 1744) erhellt:
»Die leibnizsche Konzeption [von einer Allmacht Gottes], die jeder gottesfürchtige Christ, Vico inbegriffen, annähme, führt den Italiener [also Vico] zu einer neuen Begründung der Erkenntnistheorie. Danach hat Gott vollkommene Erkenntnis der Welt, weil sie von ihm erschaffen ist. Der Mensch aber, da selbst erschaffen, kennt die Welt nur unvollkommen. Für Vico ist die Bedingung der Erkenntnis einer Sache die Erschaffung dieser Sache. Die Grundformel lautet, dass wir nur das zu kennen fähig sind, was wir tun oder machen können. (Wahrheit ist ›Tat-Sache‹). […]« (Russell)
Entsprechendes ergibt sich mutatis mutandis auch aus den Überlegungen von Peirce, wo die erkenntnistheoretische Fragestellung Kants, auf die Peirce immer wieder zurückgegreift, zu einer ›sinneskritischen‹ wird und wo das Existieren von ›Wirklichkeit‹ (reality) im Wahrnehmungs- und Erfahrungsurteil (perceptual judgment) aufgehoben ist. Im Peirce’ System einer Zeichenverweisung (»we think only in signs« – CP 2.302)¹, seiner ›Semiotik‹ (Nägele 1966) gelangt man in der Begegnung mit dem ›anderen‹, der »otherness« (CP 2.296) zu dem, wie Peirce voraussetzt, in einer Kommunikationsgesellschaft schon immer vermittelten ultimate interpretant, von ihm seit 1906 behaviouristisch als final habit, als normatives habit definiert, welches als das normal interpretant gilt und für eine ultimate reality steht (CP 8.314, 8.343). In der semiotischen Terminologie heißt das:
»It is likewise requisite to distinguish the Immediate Interpretant, the Interpretant represented or signified in the Sign, from the Dynamic Interpretant, or effect actually produced on the mind by the Sign; and both of these from the Normal Interpretant, or effect that would be [meine Hervorhebung, H. N.] produced on the mind by the Sign after sufficient development of thought [meine Hervorhebung, H. N.].«(CP 8.343

Die aus einem ›Grund-Realen‹ abgeleiteten Maximen
Die soeben gegebene Gegenüberstellung müsste gezeigt haben, dass die Peirce’sche ultimate reality in Verbindung mit einem ultimate interpretant als normatives final habit weitgehend zu Grundtvigs Modell von einem ›Grund-Realen‹ mit den daraus abzuleitenden Maximen passt. Die pragmatischen Schlüsse der beiden lassen sich ebenso vergleichen wie auch schon der jeweils dialektische Verlauf hin zu einem gültigen Begriff einer verpflichtenden Realität. Hinzu kommt, dass ähnlich wie Peirce auch Grundtvig durch Klärung der Begriffe nicht fremdbestimmte Bildung zu ermöglichen sucht. Das Anliegen Grundtvigs, Humanität zu entwickeln und zu einer demokratisch überschaubaren, menschenwürdigen Weltordnung zu gelangen (Nägele 1971c; 1992; 1995; 2007), ist auch das Ziel von Peirce. Für beide gilt, dass in einer zivilisierten Welt jedermann ein Recht darauf habe, seine Fähigkeiten voll und ganz zur Geltung zu bringen. Jeder Standpunkt verdiene es, vorgetragen, seriös erörtert und nach Kräften gegebenenfalls umgesetzt zu werden. Daher müsse ein jeder und eine jede die Möglichkeit haben, sich klar und deutlich zu artikulieren, um für eine als richtig erkannte Sache mit den eigenen Worten einzustehen.
Zu denken wäre an ein Gemeinwesen, das von Individuen getragen ist, die wissen, was ihnen guttut und was nicht, und die darin gefestigt sind, kompetent sich in der Sache auseinanderzusetzen, um zu Übereinkünften zu gelangen, die den Gegebenheiten gerecht werden. Dass ein jeder und eine jede das seine zu sagen hat lässt wenig Raum für Tabuisierungen, die herhalten müssen, wo mangels eigener Kompetenz einer ›political correctness‹ aufgeholfen werden soll. In der offenen Gesellschaft kommt es auf die Auseinandersetzung in der Sache an, wobei wie gesagt die Gültigkeit eines jeden Standpunkts in seinem eigenen Recht garantiert sein muss, auch und gerade da, wo es sich um die wundesten Stellen handelt, und erst recht wenn etwas ansteht, das mit einer Überschreitung verbunden sein könnte. Was im konkreten Falle zu tun ist, darüber hat das Gemeinwesen, will sagen eine von allen getragene Gemeinschaft zu befinden, in der jeder und jede befähigt ist, die erforderlichen Initiativen zu ergreifen, in Gestalt von Hilfeleistungen auf Gegenseitigkeit oder mit stützenden Bildungsangeboten.
In der dänischen Sprache von heute heißt eine solche Ausrichtung Nærdemokrati (’Nahdemokratie’). Gemeint ist eine Demokratie, die selbstredend nicht zu vermengen ist mit den üblichen quasi-parlamentarischen Mal-So-Und-Mal-So-Mehrheitsbeschlüssen, die Grundtvig rundheraus verworfen hat. Wie die Benennung Nærdemokrati es sagt, geht es darum, was in einem Miteinander auf Gegenseitigkeit das Naheliegende ist und was durch jeden und jeder von uns mitgestaltet werden kann.
Zu diesem Grundgedanken bedarf es in der dänischen Gesellschaft keiner Erörterung. Ganz anders und offensichtlich weitgehend so gewünscht, dazu sehr oft im Unterschied zu einem gewissen europäischen Standard spielt es sich noch immer im Bereich des Deutschen ab, wovon auch das eingangs gegebene Zitat aus einem offiziellen ›EU-Bildungsprogramm für lebenslanges Lernen in Deutschland‹ zeugt.
(ISBN 978-3-938531-20-4)

Was ein Volk ausmacht von Horst W. Nägele, 2015, MondialikonHorst Nägele

»Konkrete Bildungsangebote statt quasi-politische Muskelspiele«
(Auszug aus dem Essay: »Was ein Volk ausmacht – Was sich so alles machen lässt und durch die Bürger getragen wird«, erschienen in der Buchreihe MONDIALIKON im Autumnus-Verlag, 2015)

Es werden Strategien unter die Lupe genommen, mit denen man noch immer meint, eine ernsthafte Aufarbeitung der jüngeren deutschen Vergangenheit umgehen zu können. Es handelt sich um das Getriebe in einem stetig sich steigernden Wirtschaftswachstum bis hin zu (erneut) daseinsfremden Spekulationen auf eine deutsche Führerrolle in der Welt, und das unter Zuhilfenahme von (vornehmlich exotisch klingenden) Worthülsen, welche herzuhalten haben, wo es an (bürgernaher) Verantwortlichkeit fehlt.

Viele meinen, mit den so bequemen Schimpfwörtern »Nazis«, »Nazideutschland« und dergleichen über einiges hinwegzukommen, ohne auch nur ansatzweise zu reflektieren, wie durch ein überlegtes eigenes Handeln so manches hätte ganz anders verlaufen können damals. Es ist sehr beliebt heute, die eigene Verantwortung (auch für das, wozu man selbst noch nicht hat verantwortlich gemacht werden können biografisch gesehen) auf die Chiffren »Nazis« oder »Nazideutschland« oder gar auf Termini aus der Psychiatrie zu extrapolieren, um einigen Freiraum zu gewinnen für ein Mitschwimmen in einem (neuerlichen) »mainstream«.

In diese Kategorie kann man mit Bedacht auch die weithin gepriesene so bezeichnete »Große Rede« eines Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker einordnen. Weizsäcker meinte als Staatsoberhaupt verkünden zu müssen, es könne niemals davon gesprochen werden, dass Deutschland sozusagen besiegt worden ist, nein, zu gedenken sei vielmehr einer »Befreiung«. Vorgebracht von jemanden, der aus einer Familie ist, die es vermochte, durch alle Zeiten und über alles hinweg immer noch höher und noch höher hinauf zu gelangen, und die auch in unseren Tagen wieder viel von sich reden macht, ähnlich wie das in der Zeit der Französischen Revolution auf den französischen Politiker Charles-Maurice de Talleyrand-Périgord (1754-1838) zutraf, der für die unterschiedlichsten Regierungen wichtig gewesen ist und zu seinem Vorteil diese alle überlebt hat.

Auch wenn niemals zu bestreiten sein wird, dass durch Eingriffe von außen einiges gerade noch hat abgewendet werden können in den letzten Kriegstagen, wäre dennoch die Frage zu stellen, was ein Berufspolitiker oder ein Bundespräsident mit seinen reichlich deplacierten, zumindest aber überflüssigen Bemerkungen hatte bewirken wollen. Hoffentlich nicht das, was den Schnellschüssen Weizsäckers folgte.

In den deutschen Medien begann es nämlich sogleich zu jubilieren von einer »großen Rede eines Staatsoberhaupts«, fast ohne Ausnahme kann man sagen und in einem schwer noch zu fassenden Gleichklang. Und vor allem auch ohne jeden Versuch einer Definition dessen, was als das »Große« betrachtet wird oder als das »Große« betrachtet werden könnte in dieser Rede, mit welcher ganz deutlich alles andere als eine Kommunikation mit den Bürgern gesucht wurde, sondern im Gegenteil auf mündige Zeitgenossen herabgeredet worden ist, als sollten Schuldgefühle generiert werden.

Besser wäre es, ein Gemeinwesen zu respektieren, das von Individuen getragen ist, die wissen, was ihnen guttut und was nicht, und die darin gefestigt sind, kompetent sich in der Sache auseinanderzusetzen, um zu Übereinkünften zu gelangen, die den Gegebenheiten gerecht werden. Wo ein jeder und eine jede das seine zu sagen hat, ist wenig Raum für Tabuisierungen, die herhalten müssen, wo mangels eigener Kompetenz einer recht fragwürdigen »political correctness« aufgeholfen werden soll. In so etwas wie einer offenen Gesellschaft kommt es auf die Auseinandersetzung in der Sache an, wobei wie gesagt die Gültigkeit eines jeden als seriös zu betrachtenden Standpunkts in seinem eigenen Recht garantiert sein muss, auch und gerade da, wo es sich um die wundesten Stellen handelt, und erst recht wenn etwas ansteht, das mit einer Überschreitung verbunden sein könnte. Was im konkreten Falle zu tun ist, darüber hat das Gemeinwesen, will sagen eine von allen getragene Gemeinschaft zu befinden, in der jeder und jede befähigt ist, die erforderlichen Initiativen zu ergreifen, in Gestalt von Hilfeleistungen auf Gegenseitigkeit oder ganz allgemein indem man lebensnahes Wissen weitergibt.

In der dänischen Sprache von heute zum Beispiel heißt eine solche Ausrichtung »Nærdemokrati« (›Nahdemokratie‹). Gemeint ist eine Demokratie, die selbstredend nicht zu vermengen ist mit den üblichen quasi-parlamentarischen Mal-So-Und-Mal-So-Mehrheitsbeschlüssen, die der Initiator der dänischen (Heim-)Volkshochschulen Nikolaj Frederik Severin Grundtvig (1783-1872) rundheraus verworfen hat. Wie die Benennung »Nærdemo­krati« es sagt, geht es darum, was in einem Miteinander auf Gegen­seitigkeit das Naheliegende ist und was durch jeden und jeder von uns mitgestaltet werden kann.

Zu diesem Grundgedanken bedarf es zum Beispiel in der dänischen Gesellschaft keiner Erörterung. Ganz anders und offensichtlich weitgehend so gewünscht, zudem sehr oft im Unterschied zu einem gewissen euro­päischen Standard, läuft es noch immer im Bereich des Deutschen ab.

So braucht es natürlich nicht zu sein. Es können wie angedeutet Bildungsangebote gemacht werden, von kundiger Seite und entsprechend den Ressourcen, über die man verfügt. Anstatt, wie oben dargestellt, zu posaunen von einer »großen Rede« eines Bundespräsidenten (Richard von Weizsäcker), welcher, wie auch seine Familie, in herausragender Weise kann man sagen über solche Ressourcen müsste bestimmen können. Noch immer hat das Volk sehr viel Unnützes, Destruktives über sich ergehen zu lassen, das eher einer Verdummung, Volksverdummung kann man sagen, dient, als einer Weiterbildung oder der sachlichen Information.

Auf keinen Fall von Nöten sind noch einmal solche zudem mit Drohgebärden gespickten Kraftreden, die einer nach wie vor angeschlagenen, wenn man nicht sagen will kaum jemals real bestandenen deutschen Identität meinen aufhelfen zu müssen. Erst recht nicht gefragt sind so etwas wie mit einer willfährigen Presse kokettierende Bundespräsidenten oder etwa noch immer klingende »Alt«-Kanzler-Blähungen. Ganz dringend gebraucht werden vielmehr konkrete Bildungsangebote, denen der individuelle Gestaltungswille eines jeden von uns ein Anliegen ist.

 

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: