Deutscher Geist

deutsche größe

(nach den Eingangsversen im Siebenten Buch des in deutscher Sprache in der Tradition des literarischen Rokkoko geschriebenen Epos Adam und Eva, oder Die Geschichte des Sündenfalls des deutsch-dänischen Dichterphilosophen JENS BAGGESEN [1764 – 1826]; kommentiert und diskutiertiert in Horst Nägele, Der deutsche Idealismus in der existentiellen Kategorie des Humors. Eine Studie zu Jens Baggesens ideolinguistisch orientiertem Epos ›Adam und Eva‹, Neumünster: Wachholtz 1971 [SKANDINAVISTISCHE STUDIEN, Band 1, S. 100 f.])

tiefgründig zu erkennen
des deutschen los
was andre tun
genügt ihm zu benennen
über den anfang zu spekulieren
sich im was war
nicht ganz so war zu verlieren
ist in deutschland groß
der geist des geistes
wie können’s andre erkennen
was tiefgründig zu benennen

(In: Horst Nägele, ZEITLOS ZEIT, Verlag Turnshare, 2009)

zeitlos zeit
zeitlos zeit

LINK ZUM VERLAG:  ZEITLOS ZEIT
 
Für eine aktive Bürgergesellschaft
Von Horst Nägele
 
Immer mehr hört man in diesen Tagen von Bürgerinnen und Bürgern, die wissen, was ihnen guttut und was nicht, und die entschlossen sind, sich in einer Sache auseinanderzusetzen, um zu angemessenen Resultaten zu gelangen, die ihren Bedürfnissen gerecht werden. Eine Welt tut sich da auf, in der jedermann das seine und das ihre zu sagen hat und dann auch dafür eintritt.
Gefragt ist die sachliche Auseinandersetzung in erster Linie in einer offenen Gesellschaft, in der jeder Standpunkt in seinem eigenen Recht Gültigkeit hat. In einem von allen getragenen Gemeinwesen ist soviel wie jeder und jede von uns befähigt, zu verwirklichen was erforderlich ist und gegebenenfalls Initiativen zu ergreifen, zunächst einmal indem man gegenseitig hilft, Wissen vermittelt, Erfahrungen weitergibt.
Eine solche Ausrichtung heißt, um ein Beispiel zu nennen, in Dänemark ›Demokratie der Nähe‹ (Nærdemokrati). Es ist da die Rede von Selbstbestimmung der Individuen, die sich nicht mit parlamentarisch zu verantwortenden Mal-So-Und-Mal-So-Mehrheitsbeschlüssen zufrieden geben möchten und sich berufen auf den Initiator der Heimvolkshochschulen, den dänischen Theologen und Pädagogen Nikolaj Frederik Severin Grundtvig (1783 – 1872), der für (quasi-)parlamentarische Mehrheitsbeschlüsse nicht viel übrig hatte. Ausgangspunkt habe zu sein was in einem Miteinander durch jeden und jeder von uns verstanden und mitgestaltet werden kann.
 
Obenstehender Artikel basiert auf:
 
HORST W. NÄGELE: »Selbstbestimmung contra heteronome Machtansprüche.
Zu Nikolaj Frederik Severin Grundtvigs Eintreten für eine offene, sich an den einzelnen Menschen zu orientierende Bürgergesellschaft«
    (IN: MONDIALIKON Zeitschrift für Denkkultur, Nr. 1/2010)
Die Kapitelüberschriften:
›Zuerst Mensch und dann Christ‹
Die neuhochdeutsche Schriftsprache als ein Überbau
Das Begriffspaar ›Idealismus‹ und ›Materialismus‹ mit Bezug auf Napoleon
Grundtvigs Angebot eines direkten Dialogs mit einem deutschsprachigen Publikum
Friedrich Schillers Dramen als ein ›Blendwerk‹
Die Setzungen der idealistischen Philosophie als Ausdruck einer Lebensverneinung
Friedrich Wilhelm Joseph Schelling als ausgemachter Protagonist einer ›Begründung des Seins auf dem Nichts und dem Bösen‹
›Begreifen‹ contra ›Anschauung‹
›Etwas ganz und gar Grund-Reales‹
EXKURS: Zu Grundtvigs Modell eines ›Grund-Realen‹ versuchsweise der Ansatz des amerikanischen Pragmatikers Charles Sanders Peirce (1839-1914) gestellt
Das »WOULD BE« bei Peirce im seinem Verhältnis zu Grundtvigs Geschichtsdialektik
Die aus einem ›Grund-Realen‹ abgeleiteten Maximen
 
Auszüge aus den beiden Schlusskapiteln:
 
Das »WOULD BE« bei Peirce im seinem Verhältnis zu Grundtvigs Geschichtsdialektik
Das Peirce’sche mit einem spezifischen Zeichensystem operierende Verfahren sei nun einer Geschichtsdialektik gegenübergestellt, auf die sich Grundtvig dergestalt beruft, dass er das von ihm vornehmlich in den Jahren um 1815 unter den Begriff ›historisch‹ (historisk) Eingeordnete insbesondere in seiner oben bereits mehrfach zitierten ›Weltchronik von 1817‹ (Udsigt over Verdens-Krøniken 1817) direkt auf ein ›wahres Wissen‹ (sand Vidskab) innerhalb eines Systems bezieht, auch wenn er zur gleichen Zeit expressis verbis ›jedes philosophische System als ganzes als eine große Lüge‹ (siehe im folgenden) abtut. Grundtvig wollte zu einem ›wahren Begriff vom Menschen und vom menschlichen Wissen‹ kommen, wofür in seiner programmatischen Schrift Danne-Virke 1 (1816) eigens eine Terminologie entwickelt ist:
›[..] dass es der in der Zeit lebende Mensch ist, den unsere Vernunft begreifen kann und muss, dann sehen wir leicht ein, dass alles wahre Wissen in jeder Weise historisch sein muss; historisch, weil die Vernunft ohne den Maßstab für die Wahrheit in der Zeit nichts in sich selber findet und somit außerhalb ihrer selbst den Inhalt des Wissens suchen muss; historisch, weil der Mensch sich in der Zeit entwickelt und nur in ihr begriffen werden kann; historisch, weil alles wahre Wissen stückweise sein muss und nur mit der Zeit abgeschlossen werden kann. Hieraus folgt, dass erstens jede Wissens-Lehre [sic!], die nicht die Chronik erklärt, falsch ist, und dass zweitens alles, was den Anspruch erhebt, etwas Fertiges zu sein, ein jedes philosophische System als ganzes eine große Lüge ist, wie viel Wahrheit auch im einzelnen enthalten sein mag. Denn begriffen werden muss der Mensch, und da sich der Mensch in der Zeit entwickelt und die Vernunft der Ausdruck ist für den sich durch die Zeit entwickelnden auf den Menschen bezogenen Begriff, können wir während des Zeit[ab]laufs nicht einen wahren Begriff vom Menschen oder vom menschlichen Wissen haben, sondern einzig und allein von etwas, das im Begriffe ist, sich zu entwickeln, und [können wir] in Wahrheit nicht mehr begreifen als was schon entwickelt ist, zumal das einzige, das sich entwickelt eben der auf den Menschen bezogene Begriff ist. Hieraus folgt schließlich, dass, wenn es auch möglich wäre, dass sich die Vernunft in Wahrheit ohne vorherige Wahrheits-Kenntnis [sic!] entwickeln könnte [sic!], diese Vernunft doch niemals während des Zeit[ab]laufs im Stande wäre, dem Menschen zu genügen, einen vollständigen und klaren Begriff vom Menschen in seiner ganzen Fülle (in allem, was er ist) zu geben.‹
In auffallender Übereinstimmung mit dem soeben umrissenen Grundtvig’schen Begriff von Geschichte als in einem weiten Sinne Heilsgeschichte resultiert bei Peirce Erkenntnis aus einem would be, bezogen auf die legitimen, das heißt mit gutem Grund bestehenden Erwartungen von Einsichten nach ›zureichender kognitiver Entwicklung‹ (after sufficient development of thought):
»[…] effect that would be produced on the mind by the Sign after sufficient development of thought [meine Hervorhebung, H. N.], […] because it is that which would finally be decided to be the true interpretation if consideration of the matter were carried so far that an ultimate opinion [meine Hervorhebung, H. N.] were reached.«(CP 8.184, 8.343)
Da bleibt im Sinne Grundtvigs noch die Frage, ob und wieweit unsere Erkenntnisfähigkeit uneingeschränkt sein kann, oder ob katexochen wir nur das zu erkennen fähig sind, was wir auch selber zu tun und zu machen in der Lage sind, wie das anschaulich aus Bertrand Russells Beschreibung der Überlegungen des italienischen Philosophen Giambattista Vico (1668 – 1744) erhellt:
»Die leibnizsche Konzeption [von einer Allmacht Gottes], die jeder gottesfürchtige Christ, Vico inbegriffen, annähme, führt den Italiener [also Vico] zu einer neuen Begründung der Erkenntnistheorie. Danach hat Gott vollkommene Erkenntnis der Welt, weil sie von ihm erschaffen ist. Der Mensch aber, da selbst erschaffen, kennt die Welt nur unvollkommen. Für Vico ist die Bedingung der Erkenntnis einer Sache die Erschaffung dieser Sache. Die Grundformel lautet, dass wir nur das zu kennen fähig sind, was wir tun oder machen können. (Wahrheit ist ›Tat-Sache‹). […]« (Russell)
Entsprechendes ergibt sich mutatis mutandis auch aus den Überlegungen von Peirce, wo die erkenntnistheoretische Fragestellung Kants, auf die Peirce immer wieder zurückgegreift, zu einer ›sinneskritischen‹ wird und wo das Existieren von ›Wirklichkeit‹ (reality) im Wahrnehmungs- und Erfahrungsurteil (perceptual judgment) aufgehoben ist. Im Peirce’ System einer Zeichenverweisung (»we think only in signs« – CP 2.302)¹, seiner ›Semiotik‹ (Nägele 1966) gelangt man in der Begegnung mit dem ›anderen‹, der »otherness« (CP 2.296) zu dem, wie Peirce voraussetzt, in einer Kommunikationsgesellschaft schon immer vermittelten ultimate interpretant, von ihm seit 1906 behaviouristisch als final habit, als normatives habit definiert, welches als das normal interpretant gilt und für eine ultimate reality steht (CP 8.314, 8.343). In der semiotischen Terminologie heißt das:
»It is likewise requisite to distinguish the Immediate Interpretant, the Interpretant represented or signified in the Sign, from the Dynamic Interpretant, or effect actually produced on the mind by the Sign; and both of these from the Normal Interpretant, or effect that would be [meine Hervorhebung, H. N.] produced on the mind by the Sign after sufficient development of thought [meine Hervorhebung, H. N.].«(CP 8.343
 
Die aus einem ›Grund-Realen‹ abgeleiteten Maximen
Die soeben gegebene Gegenüberstellung müsste gezeigt haben, dass die Peirce’sche ultimate reality in Verbindung mit einem ultimate interpretant als normatives final habit weitgehend zu Grundtvigs Modell von einem ›Grund-Realen‹ mit den daraus abzuleitenden Maximen passt. Die pragmatischen Schlüsse der beiden lassen sich ebenso vergleichen wie auch schon der jeweils dialektische Verlauf hin zu einem gültigen Begriff einer verpflichtenden Realität. Hinzu kommt, dass ähnlich wie Peirce auch Grundtvig durch Klärung der Begriffe nicht fremdbestimmte Bildung zu ermöglichen sucht. Das Anliegen Grundtvigs, Humanität zu entwickeln und zu einer demokratisch überschaubaren, menschenwürdigen Weltordnung zu gelangen (Nägele 1971c; 1992; 1995; 2007), ist auch das Ziel von Peirce. Für beide gilt, dass in einer zivilisierten Welt jedermann ein Recht darauf habe, seine Fähigkeiten voll und ganz zur Geltung zu bringen. Jeder Standpunkt verdiene es, vorgetragen, seriös erörtert und nach Kräften gegebenenfalls umgesetzt zu werden. Daher müsse ein jeder und eine jede die Möglichkeit haben, sich klar und deutlich zu artikulieren, um für eine als richtig erkannte Sache mit den eigenen Worten einzustehen.
Zu denken wäre an ein Gemeinwesen, das von Individuen getragen ist, die wissen, was ihnen guttut und was nicht, und die darin gefestigt sind, kompetent sich in der Sache auseinanderzusetzen, um zu Übereinkünften zu gelangen, die den Gegebenheiten gerecht werden. Dass ein jeder und eine jede das seine zu sagen hat lässt wenig Raum für Tabuisierungen, die herhalten müssen, wo mangels eigener Kompetenz einer ›political correctness‹ aufgeholfen werden soll. In der offenen Gesellschaft kommt es auf die Auseinandersetzung in der Sache an, wobei wie gesagt die Gültigkeit eines jeden Standpunkts in seinem eigenen Recht garantiert sein muss, auch und gerade da, wo es sich um die wundesten Stellen handelt, und erst recht wenn etwas ansteht, das mit einer Überschreitung verbunden sein könnte. Was im konkreten Falle zu tun ist, darüber hat das Gemeinwesen, will sagen eine von allen getragene Gemeinschaft zu befinden, in der jeder und jede befähigt ist, die erforderlichen Initiativen zu ergreifen, in Gestalt von Hilfeleistungen auf Gegenseitigkeit oder mit stützenden Bildungsangeboten.
In der dänischen Sprache von heute heißt eine solche Ausrichtung Nærdemokrati (’Nahdemokratie’). Gemeint ist eine Demokratie, die selbstredend nicht zu vermengen ist mit den üblichen quasi-parlamentarischen Mal-So-Und-Mal-So-Mehrheitsbeschlüssen, die Grundtvig rundheraus verworfen hat. Wie die Benennung Nærdemokrati es sagt, geht es darum, was in einem Miteinander auf Gegenseitigkeit das Naheliegende ist und was durch jeden und jeder von uns mitgestaltet werden kann.
Zu diesem Grundgedanken bedarf es in der dänischen Gesellschaft keiner Erörterung. Ganz anders und offensichtlich weitgehend so gewünscht, dazu sehr oft im Unterschied zu einem gewissen europäischen Standard spielt es sich noch immer im Bereich des Deutschen ab, wovon auch das eingangs gegebene Zitat aus einem offiziellen ›EU-Bildungsprogramm für lebenslanges Lernen in Deutschland‹ zeugt.
(ISBN 978-3-938531-20-4)

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