Missglückte Wiedervereinigung

Copyright by Horst Nägele, Dr. phil.
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Bürger-Demokratie mit Blick auf ein einiges Europa – Politik und Bildung

Das im Bonner Grundgesetz vom 23. Mai 1949 verbriefte demokratisch-föderalistische Prinzip bereitet seit der für das westliche Befinden vom Himmel gefallene Wiedervereinigung in einigen Köpfen mehr und mehr Denkschwierigkeiten. Vielleicht weil es mit der Abwicklung der ehemaligen DDR schnell gehen musste, der Schub zu plötzlich gekommen war.
Zwei als Folge des Zweiten Weltkriegs schließlich voneinander gesonderte deutsche Staatsgebilde mit entsprechend unterschiedlichen Bezugssystemen finden sich plötzlich aufeinander verwiesen, ohne die Chance zu erkennen, sich in eine demokratisch zu erneuernde gemeinsame Gesellschaft wechselseitig einzubringen, wie das auch wohl weit eher im Sinne der ostdeutschen Bürgerrechtsbewegung gewesen wäre. Auch noch etliche Jahre darnach, bis auf den heutigen Tag, ist es bei dem Anschluss, dem Anschluss in der reinen Logistik geblieben, begleitet von den dazu erforderlichen Sprechstrategien wie “Integration der neuen Bundesländer”, “Aus DDR-Zeiten”, “Altlasten”, “Stasi-Vergangenheit”, “Treuhand”, “Aufbau Ost”, “Die Selbstheilungskräfte der Wirtschaft”, “Im Rahmen der Globalisierung”, “Weiter so” und derlei.
Erst recht aufhorchen lassen Töne, wie sie in einer Gesprächsrunde zu vernehmen sind, die im Rundfunk zu hören war. Da kam heraus: den zugegeben vornehmlich ökonomischen Interessen des durch das Zusammenfügen von BRD und DDR neugewonnenen Ganzen seien sozusagen als eine alles und alle verbindende Autorität und Identität jene angeblich altbewährten preußischen Tugenden überzustülpen, an denen sich alles zu messen habe. Noch offen gelassen ist, wieweit jener “altpreußische” Kitt darüber hinaus dem europäischen Zusammenhalt zugedacht werden soll und wie gehabt das Wohl der übrigen Welt zu bestimmen habe.
Das Ansinnen versteht sich als Schlag zunächst einmal gegen das Bonner Grundgesetz, die Moderatoren der genannten Gesprächsrunde hakten da auch ein. Weiterführend war dann die Feststellung, dass das Preußen vor 1871, ähnlich wie das Habsburgische Österreich jener Zeit und bis in den Ersten Weltkrieg, einen Vielvölkerstaat repräsentierte, in dem selbstredend nicht alle Teile die gleichen Rechte hatten. Damals war also durchaus nicht ohne Weiteres zu erwarten, dass nach jener Zweiten Reichsgründung von 1871 unter dem preußischen Szepter auf dem Nährboden deutschnationaler Willensbildung das ganze Deutschland von brüderlicher Gleichheit geprägt sein werde, wie das erst mit dem Inkrafttreten des Bonner Grundgesetzes effektiv gültig ist im Hinblick auf eine föderative demokratische Rechtsstaatlichkeit der damals zu begründenden Bundesrepublik Deutschland. Natürlich möchte man dann gleich auch ein Gemeinwesen mitdenken, das von Bürgern getragen ist, die wissen, was ihnen guttut und was nicht, und die gelernt haben, sich frei und ausgewogen zu artikulieren, sich in der Sache auseinanderzusetzen, um auf diesem Wege zu einer Verständigung zu gelangen und der Lage angemessene Übereinkünfte verbuchen zu können.
Wo dem Rechnung getragen wird, dass jeder etwas zu sagen hat, sind alle die uns bereits zur Gewohnheit gewordenen Tabuisierungen überflüssig, welche unserer sogenannten political correctness aufhelfen sollen, sich aber eher kontraproduktiv auswirken. Schädlich ist das Instrument der Tabuisierungen insbesondere dort, wo es sich um die wundesten Stellen handelt, wo es um Überschreitungen geht. Eine auf der Höhe der Zeit sich befindliche Gesellschaft sucht die sachliche Auseinandersetzung, in der jede Meinungsäußerung in ihrem eigenen Recht Gültigkeit hat. Entsprechend darf man von einem Politiker erwarten, dass er oder sie die Sprache der Leute versteht und genau hinhören kann (dass ein Politiker das auch will ist Voraussetzung). Nötigenfalls sind Bürger in ihrem Bemühen, sich mitzuteilen, durch bildungspolitische Einrichtungen zu fördern. Hingegen ist – neben den anderen Implikationen – angesichts der derzeit verbreiteten Missachtung volkspädagogischer Komponenten zu erwarten, dass die soziale Wirklichkeit in Deutschland auch in Zukunft mit Problemen befrachtet sein wird, insbesondere wenn dazu noch die fehlende Aufklärung, einhergehend mit dem Defizit an brauchbarer Information, mit politischer Mündigkeit oder Unmündigkeit durcheinandergebracht wird.
Bildungspolitische Versäumnisse sind auch weltweit feststellbar, sie sind auch innerhalb Europas recht unterschiedlich. Als richtungweisend für eine Erwachsenenbildung muss noch immer das Beispiel der durch den dänischen Theologen Nikolaj Frederik Severin Grundtvig (1783 – 1872) initiierten (Heim-)Volkshochschulbewegung genannt werden, die darauf baut, dass in einer Gemeinschaft von Menschen jede Meinung wert ist, vorgetragen und seriös diskutiert zu werden. Jedermann muss die Möglichkeit haben, seine Intelligenz ganz zu entfalten, um eine Sache abzuwägen und um sich frei zu äußern, wo es gilt, mit Nachdruck eine Sache zu vertreten und für sie zu argumentieren und mit den eigenen Worten dafür einzustehen. Es kann davon ausgegangen werden, dass soweit das, was gesagt wird, klar ist, auch das, was getan wird, Sinn hat. Eine Erkenntnis übrigens, die in vielen Kulturen, Religionen eine Rolle spielt.
Da muss es verwundern, wie wenig in der nun erweiterten Bundesrepublik Deutschland hinsichtlich einer verbesserten allgemeinen Bildungspolitik getan wird, auch mit Blick auf ein demokratisch überschaubares, menschenwürdiges Europa, ungeachtet dessen prospektiv politischer Gestalt.

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